SPORT OHNE GRENZEN

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Der Anteil von sportsuchtgefährdeten Ausdauersportlern in Deutschland ist Schätzungen zufolge gering. Dennoch beweisen Studien: Sportsucht ist eine ernstzunehmende Erkrankung und durchaus vergleichbar mit stoffabhängigen Süchten.

Es ist schon ein Weilchen her, dass ich mich im Rahmen meines Studiums mit dem Thema Sportsucht auseinandergesetzt habe. Wenn ich dieser Tage durch meine Social Media Feeds scrolle, überkommt mit das Gefühl, dass dieses Thema jedoch aktuell ist wie nie. Natürlich möchte ich mir keinerlei Ferndiagnose anmaßen, aber gerade der ständige Online-Vergleich lässt den ein oder anderen in einen regelrechten Wahn verfallen. Instagram und Co. lassen uns glauben, dass unsere Fitness-Idole jede freie Minute ihrem gestählten Körper widmen. Und obwohl uns mittlerweile allen klar sein müsste, dass die virtuellen Bilderbücher immer nur das bestmöglichste Bild unseres Selbst zeigen, setzen die bunten Bildchen nicht selten unter Druck.

Sport ist gut, nicht nur für die körperliche Fitness, sondern auch für die Gesundheit. Das sreht außer Frage – eine Vielzahl von Studien beweist das. So kann laut einer Studie der Burda Stiftung regelmäßige sportliche Betätigung zum Beispiel schweren Krankheiten wie Diabetes mellitus, Herzkreislauferkrankungen und Schlaganfall vorbeugen. Langfristig, so die Deutsche Gesellschaft für Sportmedizin, könnte mehr Bewegung auch die Kosten des deutschen Gesundheitswesens senken. Nicht jedoch, wenn es der Sport selbst ist, der krank macht.

Sportsucht ist eine bisher noch kaum erforschte Krankheit, wenngleich ihre Folgen schwerwiegend sein können. Der psychische und körperliche Zwang zu körperlicher Ertüchtigung kann zu Kontrollverlust, massiven Gesundheitsproblemen und sogar zum sozialen Zerfall führen. Klingt dramatisch? Nun ja, wer öfter einmal die Verabredung mit der besten Freundin kurzfristig absagt, weil die Nutella-Brötchen vom Frühstück mit einer Stunde Laufband ausgeglichen werden muss oder trotz eines vermeintlich gesunden Lebensstils Erkältungen, Einschlafprobleme und Erschöpfung an der Tagesordnung sind, sollte vielleicht doch noch einmal tiefer in sich hineinhören.

Bisher ist das Krankheitsbild der Sportsucht nicht in den Diagnosehandbüchern der klinischen Psychologie aufgeführt. Übrigens ebenso wenig, wie andere Verhaltenssuchten wie Shopping- oder Sexsucht. Anders als bei den stoffabhängigen Süchten richtet sich die Abhängigkeit hier vor allem auf die Ausführung spezifischer Verhaltensmuster und die positiven Assoziationen, die damit einhergehen.

Sportsüchtige möchten meist eine positive Stimmung aufrechterhalten, die sich in Folge der körperlichen Ertüchtigung entwickelt hat. Oder aber dem Drang nach immer mehr Sport liegt der Wunsch nach einem körperlichen Idealbild zugrunde. Ist letzteres der Fall, spricht die Wissenschaft von einer sekundären Sportsucht oder Sportsuchtgefährdung. Der Wunsch, die Figur und das eigene Gewicht zu kontrollieren, tritt besonders oft in Verbindung mit Leistungssportarten auf, bei denen Gewichtsklassen eingehalten werden müssen, oder die Sportart selbst ein geringes Leistungsgewicht voraussetzt. Beispiele hierfür sind das Skispringen, der Eiskunstlauf oder Ballett und Turnen. Aber eben auch die Möglichkeit, sich und seinen Körper permanent mit anderen vergleichen zu können, kann die eigenen Ideale verschieben.

Wenn der Drang, Leistung zu bringen oder Kalorien zu verbrennen überhandnimmt, kann es zu ernsthaften Gesundheitsschäden wie  Muskelatrophobie, Abwehrschwäche, Überlastungsbrüche, Osteoporose und physische Erschöpfungszuständen kommen. Aber auch dauerhafte Schäden, wie Hormonstörungen, Impotenz oder das Ausbleiben der weiblichen Regeln, könnten Folgen sein. Meist sendet unser Körper jedoch lange im Voraus Warnsignale. Gerade deswegen ist es auch so wichtig, die obligatorischen Restdays wirklich zu nutzen, um dem Körper auch einmal eine Pause zu können. Das ist nicht nur gesünder für den Organismus, sondern hat im besten Fall auch eine Leistungssteigerung zur Folge. Positive Trainingserfolge sind schließlich nur mit ausreichender Regeneration möglich.

Gemessen an der Gesamtbevölkerung und dem geringen Anteil an Personen, die regelmäßig Sport treiben, kann glücklicherweise von einem geringen prozentualen Anteil an Sportsüchtigen ausgegangen werden. Andererseits wächst bundesweit die Sport-Begeisterung in den letzten Jahren wieder an. Gut zu erkennen ist das an den mitunter furchtbar überfüllten Fitnessstudios zu Stoßzeiten. Besonders Jugendliche und junge Erwachsene lassen sich in den sozialen Netzwerken inspirieren und wetteifern auf Facebook, Instagram und Co. um immer neue Erfolge. Eine Studie der Friedrich-Alexander Universität zum Thema Sportsucht kam zu dem Ergebnis, dass besonders jüngere Athleten gefährdet sind. Ebenso wie jene, die bereits viele Jahre trainieren. Auf eine Sportsucht oder eine Sportsuchtgefährdung können unterschiedliche Indizien hinweisen. Etwa die Missachtung körperlicher Signale wie Schmerzen. Betroffene ignorieren diese und trainieren trotz Verletzungen oder Beeinträchtigungen weiter und riskieren dadurch gleichzeitig bewusst eine Verschlimmerung des bisherigen Leidens.

Oftmals geht mit einer Sportsucht auch eine Beeinträchtigung des sozialen Lebens einher. Etwa dann, wenn der Sport einen immer größeren Platz im Leben des Betroffenen einnimmt und darunter der Kontakt zu Freunden und Familie leidet. Auch das Berufsleben kann in Mitleidenschaft gezogen werden. Dadurch entstehen Folgen, die mit den Symptomen anderer bekannter Süchte vergleichbar sind: Depressive Stimmung, Aggressivität, innere Unruhe und Schlaflosigkeit. Ebenfalls vergleichbar sind die Einflüsse äußerer Rahmenbedingungen auf die Entwicklung eines Suchtpotentials. So kann ein negatives Selbstwertgefühl, Zwanghaftigkeit und ein Hang zum Perfektionismus ebenso bei der Entstehung einer Sportsucht mitwirken, wie Fremdeinwirkung durch Freunde und Familie.

Die Annahme, dass Sportsucht ähnlich den substanzabhängigen Verhaltensstörungen als Erkrankung mit kognitiven Verhaltensveränderungen und psychologischen Symptomen betrachtet werden kann, ist noch relativ neu. Die Studie der Friedrich-Alexander Universität arbeitete mit unterschiedlichen wissenschaftlichen Herangehensweisen. Eine von ihnen baut auf der Symptom-Trias der insbesondere psychischen Entzugssymptome auf. Neben der in der Studie beschriebenen Ausdauer-Sportsucht können bei der körperlichen Ertüchtigung jedoch auch noch weitere Faktoren eine Abhängigkeit beeinflussen.

Auffällig ist zum Beispiel der Zusammenhang mit körpereigenen Stoffen, die drogenähnliche Wirkungen auf den Organismus haben. So spricht die Wissenschaft etwa von einer „Adrenalin-Sucht“, wenn ein Sportler immer gieriger nach Abenteuer und dem damit verbundenen Adrenalin-Kick ist. Adrenalin, ebenso wie Serotonin, Dopamin oder Endorphine, versetzen den Körper in unterschiedlichen Zusammenhängen in einen Rauschzustand. Diese Stoffe haben zwar keine klassischen Nebenwirkungen, verfügen jedoch über ein Suchtpotential. In der Praxis bedeutet dies, dass Abhängige immer wieder gezielt Situationen aufsuchen, die den Rausch versprechen. Dopamin wird etwa als Glücks- und Belohnungshormon bezeichnet, währen Adrenalin vor allem in Stresssituationen in der Nebenniere gebildet und ausgeschüttet wird. Ebenso wie Endorphine, wirkt Adrenalin wie ein körpereigenes Morphium, das Schmerz und Hunger unterdrücken und einen euphorischen Rausch entstehen lassen kann. Womit wir wieder bei dem eigentlichen Grund wären, aus dem wir Sport machen sollten – um uns gut zu fühlen und glücklich zu sein mit uns und unserem Körper. Das sollten wir bei allem Eifer nicht vergessen.

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