MEIN ERSTER MARATHON

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Geschafft! Es ist vollbracht. Ich darf mich von nun an ganz offiziell Marathon Finisher nennen. Ein großartiges Gefühl, auch wenn der Lauf nicht 42 Kilometer am Stück großartig war. Aber blicken wir zurück…

Die letzte Vorbereitungswoche

Entgegen meiner eigenen Vorsätze habe ich tatsächlich alle schlauen Ratschläge der Profis befolgt uns es in der Woche vor dem großen Lauf ruhig angehen lassen. Nur noch zwei durchschnittlich schnelle 10-Kilometer-Läufe und ein Rückentraining im Fitnessstudio. Und Freitag und Samstag tatsächlich nur noch Regeneration und Ruhe. Besagte Ruhe hat mir jedoch die Schuh-Frage in dieser Woche nicht gelassen. Sollte man beim ersten Marathon auf ein älteres und damit eingelaufenes Paar oder lieber auf ein frisches und möglicherweise noch funktionaleres Paar setzen?

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Ich habe mich für letzteres Entschieden. Hinzu kam noch ein Paar neue Socken (vorher einmal eingelaufen, wie es sich gehört) und ein regensicheres Laufoutfit. Denn die Hamburger Wetteraussichten waren im Vorfeld alles andere als motivierend. Mit mir an den Start gingen daher Lauftights, eine dünne Regenjacke und ein Sport-Schlauchschal.

Im Gepäck hatte ich außerdem eine frisch gezapfte Playlist mit vier Stunden guter Musik und ein Päckchen Energy-Gel. Zu diesem kleinen Energie-Boost habe ich mich tatsächlich noch überreden lassen, obwohl ich zuvor ja ganz dickköpfig beschlossen hatte, darauf zu verzichten. Das Schlüsselwort, das mich schließlich verunsicherte, war „Elektrolyte“. Von denen gehen beim langen Laufen nämlich ziemlich viele flöten. Da sie für den Wasserhaushalt des Körpers und die Aktivität der Muskel- und Nervenzellen jedoch sehr wichtig sind, heißt es nachladen.

Der große Tag

Ein Marathon-Tag beginnt früh. Zwar startete der Lauf selbst erst ab 9 Uhr, jedoch wird darauf hingewiesen, sich nach Möglichkeit schon zwei Stunden zuvor auf dem Gelände einzufinden, um seine Kleiderbeutel abzugeben und sich nach und nach in den entsprechenden Zielblöcken einzufinden. Doch noch bevor ich mich mit knapp 20.000 anderen Läufern auf dem Weg in Richtung Hamburger Messehallen machte, galt es ordentlich zu frühstücken. Als Vegetarier und Weizenverächter will eine solche Mahlzeit gut durchdacht sein. Die Pastaparty am Vorabend fiel für mich schon einmal flach. Stattdessen gab es jede Menge Süßkartoffeln, dazu Salat und Ziegenkäse. Auf dem Frühstückstisch landete ein Brei aus Hirseflocken, Mandelmilch, roten Beeren und Mandeln. Die U-Bahn-Fahrt versüßte mir außerdem noch ein Bio-Energie-Riegel aus Nüssen und Trockenfrüchten.

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Auch wenn das Wetter nicht so bescheiden ist, wie bei uns an diesem Tag in Hamburg, wird meist empfohlen, in „Wegwerf“-Kleidung an den Start zu gehen. Damit gemeint sind alte Sachen, an denen das Herz nicht allzu stark hängt und die man am Start ganz einfach ausziehen und zurücklassen kann. Neben dem praktischen hat das Ganze sogar noch einen sozialen Nutzen – üblicherweise kümmern sich die Veranstalter darum, dass die zurückgelassenen Kleidungsstücke im Anschluss wohltätigen Zwecken gespendet werden.

Der Lauf

Die Start-Linie überquere ich mit zwei großen Zielen. Erstens: Ankommen. Zweitens: Wenn ich tatsächlich ankommen sollte, dann im besten Fall noch bevor die vier Stunden abgelaufen sind. So richtig glauben kann ich daran zwar nicht, aber Ziele sind schließlich die beste Motivation. Pünktlich mit dem Countdown und dem Klatschen der Menge fängt es an zu nieseln. Mein anfängliches Fluchen wird schon bald leiser. Am Ende bin ich über jeden weiteren Tropfen dankbar. Denn Wärme und Schwitzen raubt gefühlt unheimlich viel Energie, während mich der kalte Regen nur antreibt weiterzulaufen. So vergehen die ersten 18 Kilometer tatsächlich wie im Flug. Die Euphorie und die tapferen Zuschauer mit ihren Regenschirmen bestimmen meine Schritte. Die Freude über bekannte Gesichter am Straßenrand tun ihr Übriges dazu. Die Hochphase hält bis zu Kilometer 22. Mit Rückblick auf meinen ersten Halbmarathon im vergangene Jahr und die Erinnerung an meinen inneren Kampf ab Kilometer 13 steigert sich die Begeisterung darüber, wie gut es diesmal bei gleicher Distanz läuft.

Doch dann kommt der Dämpfer. Ab jetzt bewege ich mich in Distanzen, die ich so im Training nie zuvor gelaufen bin. Bis zur 30 muss ich es schaffen, so mein Credo, denn ab da läuft sich der Rest fast von allein, heißt es. Leichter gesagt als getan. Bei den Streckenabschnitten, an denen keine Zuschauer stehen und anfeuern, macht sich Lustlosigkeit breit. Langsam spüre ich meine Knie, die erste sich bildende Blase und sogar meine Schultern.

Ich erwische mich ständig dabei, wie ich darüber nachdenke, wann es endlich vorbei ist. Um mich abzulenken erinnere ich mich an den Tipp des Moderators vom Start: „Genießt jeden Meter“. Vielleicht hat er Recht und man sollte jede Minute dieses einzigartigen Laufs genießen. In der Theorie klingt das leichter, als es in der Praxis ist. Die folgenden zehn Kilometer leider ich bitterlich. Ein Fuß vor den anderen, noch einen, weiter geht’s… Wie ein Kind an Weihnachten freue ich mich bei Kilometer 28 über das Energy Gel in meiner Tasche. Damit kann ich mir zumindest einreden, neue Energie zu tanken. Stops an der Wasserausgabe versuche ich mir einzuteilen. Denn zweimal verschlucke ich mich so stark, dass ein Großteil meiner Kraft durchs Husten geraubt wird.

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Als ich die 30-Kilometer-Grenze endlich knacke, bin ich heilfroh, wenngleich auch nicht unbedingt fitter. Alles was ich zu diesem Moment will, ist Ankommen. Meine Pace habe ich zu dieser Zeit schon längst verdrängt. Nur noch ankommen. Nicht nur einmal spiele ich mit dem Gedanken, einfach stehen zu bleiben. Aber spätestens ab Kilometer 30 ist das tatsächlich keine Option mehr. Wenn man sich bis hierhin durchgekämpft hat, will man so kurz vor dem Ziel auch nicht mehr aufgeben. Ich beiße also die Zähne zusammen und bilde mir sogar ein, dass es ab Kilometer 37 langsam wieder besser wird. Womöglich ist das jedoch auch auf die Glückshormone zurückzuführen, die sich langsam mit Hinblick auf die Ziellinie breit machen. Nach 3 Stunden, 51 Minuten und 55 Sekunden komme ich schließlich im Ziel an. Schrecklich erschöpft, mit schmerzenden Knochen und Muskeln aber mit einem breiten Grinsen im Gesicht.

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